Die Garou singen uralte Lieder von der Zeit, da Menschen sich um ihre Lagerfeuer zusammenkauerten und die Fänge in der Nacht fürchteten. In ihrem Geheul bezeichnen die meisten das Impergium als etwas, das es zu bedauern gilt – nicht so die Roten Klauen. Diese wilden Werwölfe behaupten, der einzige Fehler am Impergium sei gewesen, es zu beenden – und dass Gaia ohne den Menschenbefall, der völlig außer Kontrolle geraten ist, nie in so große Gefahr gekommen wäre. Die Roten Klauen verleugnen ihre menschliche Seite fast vollständig: Abgesehen von ein paar Metis besteht der Stamm nur aus Wolfsgeborenen. Ihre Wut, ihr Leid und ihr Hass entstehen daraus, dass sie zusehen mussten, wie ihre Wolfsverwandten immer weniger wurden und die Menschen sich ausbreiteten – schmerzliche Emotionen, die den Stamm definieren.
Natürlich sind die Klauen nach wie vor Werwölfe, nicht nur Wölfe – sie sind in der Lage, Werkzeuge zu gebrauchen, zu sprechen und kennen all die komplexen Traditionen der Garou. So sehr die Klauen die Menschen auch hassen, sie bestreiten nicht, dass es manchmal nötig ist, Menschenwerk zu nutzen – nur eine törichte Klaue würde nackt durch eine Stadt wandern, wenn ihre Jagd sie dorthin führt. Aber sie geben sich nur menschlich, wenn es gar nicht anders geht. Ihre innere Organisation entspricht der von Wölfen, sie behandeln ihre Rudel als Familie, in der die Leitwölfe die Vater- und die Mutterrolle zugleich einnehmen. Sie kämpfen ständig um die Vorherrschaft im Rudel, um dessen Gesundheit zu erhalten: Der Stärkste muss führen. Sie betonen die Gebote der Litanei, die eindeutig aus der wölfischen Seite der Garou abgeleitet sind (etwa „Der beste Teil der Beute für den Ranghöchsten“).
Dass die Klauen fast alles aus der Perspektive der Lupi sehen, ist in mancher Hinsicht zuträglich für die Garou-Nation. In allen anderen Stämmen sind die Wolfsgeborenen eine schwindende Minderheit. Jede Rote Klaue weiß, wie es ist, von der Unmittelbarkeit eines Tiergehirns zur komplexen, halb spirituellen Intelligenz der Garou zu wechseln. Selbst ihre wenigen Metis sind sehr bewandert in den Traditionen der Lupi und beteiligen sich an uralten Riten, auf die keine einzige menschliche Tradition je Einfluss genommen hat. Die Klauen sind ein Mahnmal dafür, dass die Garou ursprünglich zu gleichen Teilen Mensch und Wolf sein sollten, ehe sie vor langer Zeit das Gleichgewicht verloren.
Doch auch den Roten Klauen selbst geht es nicht gut. Sie sind ein kleiner Stamm, der sich weigert, sich mit Menschen zu paaren oder Menschlingswelpen zu adoptieren. Ihr Hass auf die Menschheit hemmt sie enorm und führt zu Zerwürfnissen mit anderen Stämmen, die zu Recht Angst um ihre menschlichen Blutsgeschwister haben. Doch nicht jede Klaue lebt diesen Hass auf die gleiche Art und Weise aus. Manche fordern die komplette Ausrottung der Menschheit, während andere die Auffassung vertreten, man müsse lediglich zu den alten Zeiten zurückkehren, in denen es ungefähr genauso viele Menschen wie Wölfe gab. Manche sind unsagbar grausam zu ihrer zweibeinigen Beute; andere bevorzugen schnelle Gnadenstöße und weigern sich, sich auf das Niveau des Feindes herabzulassen und zum Spaß zu töten.
Viele Garou befürchten, dass es nur noch eine Frage der Zeit ist, bis die Roten Klauen dem Wyrm anheimfallen. Manche vertreten sogar die Auffassung, dieser Prozess habe schon begonnen – weil die Gerüchte über mörderische Riten, die an menschlichen Gefangenen durchgeführt werden, im Grunde der Wahrheit entsprechen. Selbst innerhalb des Stammes fragen sich einige Auserwählte des Greifen, ob sie zu weit gehen. Doch für die meisten Roten Klauen ist die Antwort so einfach und klar wie jede Wahrheit für einen Wolf: Sie sind Garou. Der Zorn wurde ihnen verliehen, um einen Krieg zu führen. Sie haben es nur mit einem viel zahlreicheren Feind zu tun, als die anderen Stämme zuzugeben bereit sind.
Erscheinungsbild: Reinrassige Rote Klauen sind oft große Wölfe mit außergewöhnlich scharfen Krallen und rotbraunem Fell. Ungeachtet der Reinrassigkeit hat jede Rote Klaue irgendwo am Körper einen Büschel blut- oder brandroten Fells. Sie nehmen selten Menschlingsgestalt an, doch wenn, so sind es meist ungepflegte Menschen mit brennendem Blick und einem Raubtierstarren, die etwas linkisch wirken, weil sie es nicht gewohnt sind, auf zwei Beinen zu gehen und sich auf vergleichbar beschränkte Sinnesorgane verlassen zu müssen.
Blutsgeschwister und Revier: Rote Klauen wachen mit Argusaugen über ihre Wolfsverwandten und überhaupt alle Wölfe, denen sie begegnen. Sie bevorzugen Reviere, die so weit wie möglich von menschlichen Behausungen entfernt liegen, müssen sich aber oft mit Gebieten in der Nähe menschlicher Ansiedelungen zufriedengeben. Sie bemühen sich dann, diese Reviere für Menschen unattraktiv zu machen, und manch ein brachliegendes Stück Land ist der Entstehungsort urbaner Legenden, weil dort Menschen verschwinden sollen – oder sind mit den Gebeinen von Eindringlingen verziert.
Stammestotem: Der Greif, ein Totem animalischer Wut und des Jagdgeschicks. Rote Klauen paktieren auch mit uralten Geistern wie etwa Säbelzahn und Mammut sowie mit mythischen Geistern wie Simurgh und Sphinx. Das Totem der gefallenen Weißen Heuler, der Löwe, ist nun Teil der Brut des Greifen.
Charaktererschaffung: Es gibt keine Menschlinge der Roten Klauen. Rote Klauen bevorzugen körperliche Eigenschaf-ten und eine hohe Wahrnehmung; natürlich legen sie auch Wert auf Fähigkeiten wie Überleben, Handgemenge, Instinkt, Tierkunde und Einschüchtern. Verbündete und Kontakte sind Hintergründe, die bei den Roten Klauen nicht gerne gesehen werden; Ressourcen dürfen sie nicht wählen.
All ihre Blutsgeschwister sind Wölfe.
Anfangswert für Willenskraft: 3
Anfängliche Gaben: Auge des Jägers, Geruch des fließenden Wassers, Tiersprache, Wölfe vor den Toren, Verborgener Mörder
“Ich würde lieber sterben, als eine Welt ohne Wölfe zu erleben. Um das zu verhindern, töte ich gern.“
ZitatFianna: Sie wissen noch ziemlich gut, wie die Welt war und wieder sein könnte. Aber wenn sie nicht handeln, ist ihr ganzes Geheul Schall und Rauch.
Glaswandler: Schaut sie euch an! Die sind die Zukunft? Fürchtet eine Welt, in der alle Garou den Wolf aufgegeben haben und in ein Metallnetz gekrochen sind, um auf ihr Ende zu warten!
Kinder Gaias: Was ihr „Frieden“ nennt, ist nur eine lange, langsame Kapitulation. Ihr kapituliert schon so lange, dass ihr es schon gar nicht mehr merkt.
Knochenbeißer: Ihr kriecht auf dem Bauch und leckt den Menschen die Füße. Habt ihr nicht gesehen, wie sie ihre Hunde schlagen und anketten?
Nachfahren des Fenris: Sie verstehen, was es bedeutet, zahllose Feinde zu haben. Sie verstehen auch, warum uns der Zorn gegeben ward.
Schattenlords: Ein starker Führer nimmt sich, was ihm zusteht, und fordert Respekt ein. Warum solltet ihr eure schlangenzüngigen Spielchen spielen, wenn nicht um zu verbergen, dass ihr nicht stark seid?
Schwarze Furien: Jedes Problem, über das ihr euch beklagt, ist die Schuld der Affen. Wenn ihr klüger wärt, würdet ihr erkennen, dass euer Feind nicht der Mann, sondern der Mensch ist.
Silberfänge: Der Führer, der sich gegen sein eigenes Rudel wendet, muss zum Wohle der übrigen vertrieben werden.
Sternenträumer: Warum schließt ihr die Ohren und nennt es Zuhören? Der Wolf in euch wird euch sagen, was ihr wissen müsst, wenn ihr euch ihm nicht verschließt.
Stille Wanderer: Ohne Rudel und Revier wird ein Wolf verrückt.
Uktena: Aufbewahren sollte man Nahrung zum späteren Verzehr, nicht Fetische und Geister, von denen man von Anfang an die Finger hätte lassen sollen.
Wendigo: Ich glaube, sie verstehen uns am besten. Sie werden uns mit jedem Mond ähnlicher.