Jahreszeitliche Riten

Jahreszeitliche Riten sind von Stamm zu Stamm und Septe zu Septe sehr unterschiedlich. Sie alle haben ihre eigene Art, den Wechsel der Jahreszeiten zu feiern. Manche Septen zelebrieren nur die Hauptriten der Sonnenwenden und Tagundnachtgleichen; andere führen mindestens einmal pro Mond einen Ritus durch.

Diese Riten erneuern die Verbindung der Garou zu Gaia, der Erdenmutter. Manche Garou glauben sogar, dass die Welt völlig aus dem Gleichgewicht geraten und ins Chaos stürzen würde, wenn es solche Riten nicht mehr gäbe.

System: Jahreszeitliche Riten müssen selbstverständlich zur richtigen Jahreszeit stattfinden, und mindestens fünf Werwölfe müssen an ihnen teilnehmen. Der Spieler des Ritenmeisters muss einen Wurf auf Widerstandsfähigkeit + Rituale (Schwierigkeit 8) bestehen. Wird der Ritus in einem Caern vollzogen, liegt die Schwierigkeit des Wurfs bei 8 – Caernstufe.

Stufe 2

Die große Jagd

Dieser Ritus fällt auf den Abend der Sommersonnenwende oder Mittsommernacht, wenn Helios die längste Zeit am Himmel steht und somit den Höhepunkt seiner Macht erreicht hat. Die wenigen dunklen Stunden bieten den Kreaturen des Wyrms wenig Gelegenheit, sich zu verstecken, und die Werwölfe nutzen dies aus, indem sie eine heilige Jagd abhalten.

Genau um Mitternacht, wenn der Mittsommer anbricht, ruft der Ritenmeister Gaia an, der Septe eine oder mehrere Kreaturen vor Augen zu führen, die der großen Jagd würdig sind. Zur Vorbereitung singen und heulen die Garou und erzählen Geschichten von großem Mut. Auch rituelles Blutvergießen kommt oft vor, wobei sich jeder Garou selbst schneidet und einen Teil seines Blutes in eine große Schale vergießt. Das vermischte Blut wird in Form von Piktogrammen auf Stirn oder Brustbein der Jäger aufgetragen. Beim Morgenrot schickt Gaia der wartenden Septe ein Zeichen, das das Ziel der großen Jagd verrät. Dieses Zeichen kann jede beliebige Gestalt annehmen, von einer Vision, die ein in Trance gefallener Ritenmeister der Wendigo empfängt, bis zu einer Nachrichtenmeldung, die über einen alten Fernseher in einem Knochenbeißercaern flimmert. Die von Gaia ausgesuchte Person oder Kreatur steht zwar fast immer mit dem Wyrm in Verbindung, aber in seltenen Fällen verlangt Gaia auch, dass einer der ihren bei der großen Jagd geopfert wird. Nur die größten Krieger werden überhaupt als Ziel der großen Jagd ausgewählt. Gaia verlangt
ein solches Opfer nur in Zeiten großer Not, und man sagt, der befreite Geist eines solchen Kriegers verwandle sich umgehend in einen Racheengel Gaias.

Die Garou haben nur bis Mitternacht Zeit, die große Jagd zu vollenden. Bei Erfolg wird das Blut der gefallenen Kreatur als Opfer für Gaia auf fruchtbare Erde gegossen (oder in den Äther, wenn die Jagd im Umbra stattfindet). Wenn es den Jägern nicht gelingt, ihre Beute zur Strecke zu bringen, wird das als böses Omen für das nächste Jahr betrachtet. Manche Theurgen sagen, im Jahr der Apokalypse werde keine Septe bei der großen Jagd Erfolg haben. Eine misslungene große Jagd bedeutet für die Septe wenigstens Pech im nächsten Jahr. Jeder, der an einer großen Jagd teilnimmt, erhält Ruhm. Die Menge des errungenen Ruhms wird von der Gefährlichkeit der jeweiligen großen Jagd bestimmt.

System: Charaktere, die an einer erfolgreichen Jagd teilgenommen haben, erhalten – bei durchschnittlicher Gefährlichkeit ihres Ziels – drei Ruhmpunkte. Misslingt die große Jagd, so verliert jeder beteiligte Charakter zwei Ruhmpunkte. Außerdem steigt die Schwierigkeit aller von der Septe durchgeführten Riten bis zum nächsten Mittsommer um 1.

Ritus des Winterwindes

In der längsten Nacht des Jahres führen die Garou diesen Ritus durch, um Helios zu ehren und ihm die Kraft zu verleihen, die Tage wieder länger werden zu lassen. Nach Meinung vieler Garou werden die Nächte immer länger werden, wenn dieser Ritus nicht durchgeführt wird, bis Gaia in einen schrecklichen Dämmerzustand fällt, in dem sie unablässig Schmerzen erleidet. In der heutigen Zeit halten die meisten Werwölfe das für reinen Aberglauben, aber sogar diese Skeptiker nehmen enthusiastisch am Ritus teil.

Der Ritus der Winterwinde wird in den verschiedenen Septen selten auf die gleiche Weise abgehalten. Europäische Garou praktizieren eine weitverbreitete Version, die damit beginnt, dass der Ritenmeister die Garou um ein kleines Freudenfeuer versammelt. Dann leitet er die Gruppe zu einem ausgedehnten Geheul an, das als leises Knurren beginnt und zu einem sich überschlagenden Crescendo anwächst. Wenn der Ritenmeister den Eindruck hat, die Spannung habe ihren Höhepunkt erreicht, springt er nach vorne, schnappt sich einen brennenden Zweig und rennt in den Wald. Die anderen Garou folgen ihm und schnappen sich beim Aufbruch auch Äste. Sie rennen so schnell sie können und geben dabei so viele beängstigende und fremdartige Laute wie möglich von sich. Dieser Ritus wird abgehalten, um Gaia in den Wehen anzufeuern, während sie die Sonne zur Welt bringt, und alle Diener des Wyrms zu vertreiben, die in der Nähe lauern könnten, um die neugeborene Sonne zu stehlen oder Gaia zu verletzen, wenn sie ihre Aufmerksamkeit von der Oberflächenwelt abwendet.

Schließlich führt der Ritenmeister das heulende Rudel wieder zurück zum Freudenfeuer, wo es seine Äste wieder den Flammen übergibt. Wenn das Feuer erst einmal lodert, feiern die Garou eine Schwelgerei, die bis zur Morgendämmerung dauert. Dann begrüßen sie die neugeborene Sonne mit einem letzten, triumphierenden Geheul.

Ritus des Wiedererwachens

Dieser Ritus feiert die Frühlingstagundnachtgleiche, die Zeit der Wiedergeburt. Der Ritenmeister beginnt den Ritus bei Sonnenuntergang, indem er die versammelten Garou auf eine Queste ins Umbra führt. Eine solche Queste ist manchmal nur symbolisch, aber während die Zeit der Apokalypse immer näher rückt, suchen die Reisenden in den Umbrareichen immer häufiger echte Gefahr – oder werden von ihr gefunden.

Die Queste umfasst stets sieben Prüfungen. Diese Prüfungen stehen für die sieben Tore der Unterwelt. Die Prüfungen sind von Stamm zu Stamm grundlegend verschieden, doch die Prüflinge werden immer mit unterschiedlichen Herausforderungen konfrontiert. Eine Prüfung könnte beispielsweise darin bestehen, sich einem Plagengeist zu stellen, während eine andere die Suche nach einem im Tiefen Umbra verlorenen Fetisch beinhalten könnte. Bei jeder Prüfung müssen die Teilnehmer etwas aufgeben, sei es ein lieb gewonnener persönlicher Fetisch, ein alter Groll oder falscher Stolz. Wenn die Garou diese Tore hinter sich lassen, können sie die Erde erneuern, die Wintergeister vertreiben und den Weg für die Jahreszeit des Wachstums und des Grünens ebnen.

Am Ende des Ritus kehren die Werwölfe in ihre Körper zurück. Zu diesem Zeitpunkt suchen viele Stämme die Nähe von Blutsgeschwistern oder anderen Menschen und Wölfen, um sich wieder an Fleischeslust zu gewöhnen, die unglaublichen Schönheiten des Lebens und die Notwendigkeit seines Fortbestehens in zukünftigen Generationen zu feiern. Es ist kaum überraschend, dass in dieser Nacht ein Großteil der Metiswelpen gezeugt wird. Obwohl derartige Verbindungen immer tabu sind, lässt die intensive Dramatik dieses Ritus solche Bedenken bisweilen in den Hintergrund treten.

Stufe 3

Die lange Nachtwache

Dieser Ritus findet zur Zeit der Herbsttagundnachtgleiche statt, wenn die Zeit der langen Tage von der Zeit der langen Nächte abgelöst wird. Obwohl der Sommer in vielen Kulturen traditionell die Zeit des Krieges ist, wissen die Garou, dass sich der Krieg gegen die Schatten in den länger werdenden tunden der Dunkelheit sehr viel schwerer gestalten wird. Um sich darauf vorzubereiten, halten Sie die lange Nachtwache ab, einen Ritus, der dafür vorgesehen ist, ihnen noch größeren Appetit auf die bevorstehenden Kämpfe zu machen.

Die lange Nachtwache beginnt bei Sonnenuntergang um ein loderndes Feuer (manche Stadtcaerns verzichten darauf). Die Septe verbringt den Tag vor der Wache damit, den Caern mit den im letzten Jahr errungenen Kriegstrophäen zu schmücken. Von verborgenen Gewehren und zerfetzten kugelsicheren Westen über zerstörte Wyrmfetische und Zahnketten bis zu den Schädeln von Wyrmkreaturen und mit der Asche von Vampiren vermengten Blutflecken verzieren alle nur denkbaren Arten von Andenken das Herz des Caerns. Wenn die Sonne hinter dem Horizont versinkt, beginnt der Ritenmeister mit einem Lobgesang an Helios, indem er ihm für seine Segnungen während des Sommers dankt und ihn für den kommenden Winter um seinen Schutz bittet. Anschließend preist der Ritenmeister Luna und erfleht ihre Hilfe für die langen Nächte, die der Septe bevorstehen.

Um den Ritenmeister bei seinen Bitten zu unterstützen, treten die Galliards der Septe vor und erzählen Geschichten über die glorreichsten Schlachten des letzten Jahres und die Taten, die in Gaias Namen vollbracht wurden. Sie zeigen der Reihe nach auf alle Trophäen und geben Geschichten über sie zum Besten. Besonders redegewandte Mitglieder anderer Vorzeichen, die sich im vorigen Jahr sehr hervorgetan haben, haben die Ehre, als Erste die Geschichten ihrer eigenen Trophäen erzählen zu dürfen. Sobald die Galliards geendet haben, beginnen die anderen Mitglieder der Septe, ihre Versionen der Großtaten des letzten Jahres darzulegen. Das Erzählen dauert die ganze Nacht. Im Morgenrot ruft der Ritenmeister ein letztes Mal Luna an. Er widmet ihr, ihrem Bruder Helios und ihrer Schwester Gaia alle Taten des vergangenen Jahres und gelobt, dass das kommende Jahr mit Lunas Segen ebenso glorreich werden wird. Am Ende des Ritus werfen die Garou so viele Trophäen wie möglich ins Freudenfeuer und zerstören so all ihre hart erkämpften Andenken, um ihren Glauben daran unter Beweis zu stellen, dass sie im nächsten Jahr noch viel
mehr Trophäen erstreiten werden.