Riten

Riten schaffen und verstärken Beziehungen der Garou untereinander und zu Gaia, genau wie Rituale und Feste. Das einende Band, das durch Riten geknüpft wird, bringt die Seelen aller Garou zum Klingen. Viele Werwölfe glauben daran, dass die Garou die Verbindung zur Erdenmutter verlieren,  wenn sie dieses Band nicht ständig durch Riten pflegen. Wenn das geschieht, so warnen die Theurgen, könnten die Werwölfe zu Schatten ihrer selbst werden, sich möglicherweise in einfache Wölfe und Menschen zurückentwickeln, nicht länger die Auserwählten Gaias sein – vielleicht
sogar als marodierende Monster ohne eine Aufgabe oder einen Zweck ihr Dasein fristen.

Die besondere Bindung, die Garou zur Geisterwelt haben, macht Riten erst möglich. Am Anbeginn der Zeit schlossen die Gestaltwandler einen wichtigen Pakt – den Pakt – mit den Geistern Gaias. Als Gegenleistung für die Treue und Dienste der Gestaltwandler erfüllten die Geister die Riten der Wertiere mit übernatürlicher Macht. Daher kann nur ein Gestaltwandler erfolgreich einen Ritus durchführen. Die Geister folgen keinem Ruf, wenn sie nicht durch den Pakt dazu verpflichtet sind. Dieses besondere Verhältnis ist den Garou und bestimmten Fera vorbehalten. Sie macht das Zelebrieren dieser Riten zu ihrem heiligen Recht und Privileg, und nur zu ihrem.

Durch Riten weben die Garou gesellschaftliche, emotionale und religiöse Fäden, die Werwölfe, Rudel und Stämme untereinander verbinden. Wenn ein Silberfang eine Schwarze Furie oder ein Stiller Wanderer einen Glaswandler trifft, bieten ihnen die Riten ihrer Vorfahren eine gemeinsame Grundlage, auf der sie aufbauen können. Der einfache Ritus der Reue hat schon viele Begegnungen zwischen Werwölfen unterschiedlicher Stämme und Rudel davor bewahrt, in Streit und Gewalt auszuarten.

Riten geben Stämmen und Rudeln die Freiheit, sich zu definieren und ihre einzigartige Rolle bei der Verteidigung Gaias zu bestimmen. Alle Stämme und viele einzelne Septen haben ihre eigenen Riten sowie ihre eigene Version allgemein verbreiteter Riten. Der wilde, heulende Aufruhr, der beim Ritus des Geistererweckens der Fianna entsteht, hat äußerlich nur wenig mit dem düsteren und grüblerischen Ritus der Schattenlords gemeinsam, und dennoch sind Essenz und Zweck beider Riten miteinander identisch und beide entspreche dem Pakt.

Arten von Riten

Riten haben sowohl religiöse als auch magische Implikationen und dienen sowohl gesellschaftlichen als auch mystischen Zwecken. Die meisten Riten können sowohl im Umbra als auch in der stofflichen Welt durchgeführt werden. Wenn die Garou ihren Welpen Riten beibringen, können sie diese in Gruppen einteilen, indem sie die Riten anhand ihrer Aufgabe unterscheiden, die sie für die Garou und für Gaia erfüllen. Riten des Einklangs, Caernriten, Riten des Todes, mystische Riten, Strafriten, Riten des Rufs, jahreszeitliche und kleinere Riten zählen zu denen, die unter den Garou am weitesten verbreitet sind. Damit diese Riten erfolgreich abgehalten werden können, müssen die Grundvoraussetzungen für die jeweilige Ritenart erfüllt sein.

Es folgen Beschreibungen und Anforderungen für jede dieser Arten sowie häufige Riten aus jeder Kategorie und weniger geläufige Riten, die von besonderer Bedeutung sind.

Ein Werwolf hat das Potenzial, jeden Ritus zu erlernen. Er muss nur einen Lehrer finden. Normalerweise bestimmt das Vorzeichen eines Garous, welche Riten von ihm erwartet werden (s. Die Rolle der Vorzeichen). Ein Großteil der Ältesten der Garou ist gewillt, andere Werwölfe in Riten zu unterrichten. Tatsächlich sind die Ältesten von der rauen Menge junger Werwölfe beunruhigt, die Riten für überholt oder umständlich halten. Viele neue Rudel erkennen nicht die Notwendigkeit der Riten und ziehen es vor, ihre Zeit mit Dingen zu verbringen, die „unmittelbare“ Wirkung zeigen. Allerdings verschlimmern die gleichen Ältesten ihren Mangel an Kommunikatio, indem sie junge Wölfe kritisieren, die darauf drängen, Riten zu modernisieren und anzugleichen, um den Bedürfnissen ihrer Rudel Genüge zu tun.

Die Durchführung eines Ritus

Bei einem Ritus gibt es gewöhnlich einen Ritenmeister, der eine Gruppe von Garou anleitet. Riten sind große Zeremonien, die für gewöhnlich an Caerns abgehalten werden, die mit althergebrachten Traditionen und Gemeinschaftsfindung in Verbindung gebracht werden. Im Grunde sind Riten rein gesellschaftliche Angelegenheiten. Die meisten Riten erfordern die Gegenwart von mindestens drei Garou, obwohl auch ein einzelner Werwolf bestimmte kleinere und mystische Riten abhalten kann. Viele ältere Septen hingegen haben für die, die Riten außerhalb der Gruppe durchführen, nur ein Stirnrunzeln übrig.

Riten erfordern von Seiten des Ausführenden hohe Konzentration und ebenso großes Talent. Die Durchführung der meisten Riten dauert pro Stufe mindestens zehn Minuten, während kleinere Riten nur zwei bis fünf Minuten in Anspruch nehmen. Riten erfordern so gut wie immer bestimmte Utensilien oder Materialien. Die grundlegenden Anforderungen für bestimmte Ritenkategorien sind in den folgenden Listen angegeben. Der Ritenmeister ist dafür verantwortlich, dass alle Vorbereitungen getroffen sind und alle anwesenden Garou dazu bereit sind, sich voll und ganz am Ritus zu beteiligen. Der Spieler oder der Erzähler sollte würfeln, um zu bestimmen, ob ein Ritus erfolgreich war. Die genaue Art und Schwierigkeit des Wurfes wird von Ritus zu Ritus verschieden sein. Erzähler können die Schwierigkeit eines Wurfes verringern, wenn der Ritenmeister und die teilnehmenden Charaktere den Ritus besonders gut durchführen (d.h. wenn die Spieler ihn gut ausspielen).

Pro fünf Garou, die über der erforderlichen Teilnehmerzahl liegen (drei, um es nochmals zu erwähnen) und nicht nur anwesend sind, sondern sich auch (wie der Ritenmeister selbst) nach bestem Wissen und Gewissen am Ritus beteiligen, sinkt die Schwierigkeitsstufe des Ritus um 1 (bis zu einer Mindestschwierigkeit von 3).

Riten gelten als legitimer Weg, die natürliche Ordnung zu beeinflussen. Sie sind ein Teil davon. Die Werwölfe glauben, wenn ein Ritus erfolgreich durchgeführt wird, trete sein Effekt auf natürliche Weise ein – ebenso wie ein Wissenschaftler auf Ursache und Wirkung baut. Wenn man einen Stein loslässt, fällt er; wenn man einen Ritus so durchführt, wie ihn schon die frühesten Vorfahren abgehalten haben, tritt die gewünschte Wirkung ein. Allerdings erfordern manche Riten den Einsatz von Gnosis. Diese Riten sind besonders schwerwiegende Eingriffe in die Ordnung aller Dinge.

Das Erlernen eines Ritus

Die Ältesten eines Stammes, die Riten lehren, wurden selbst von ihren Ältesten darin unterwiesen, die wiederum bei ihren Ältesten in die Lehre gingen, und so weiter bis zum Anbeginn der Zeit. Um das nötige Wissen (und damit die Erlaubnis) zur Ausführung eines Ritus zu erhalten, muss ein junger Werwolf an einen Ältesten herantreten, der dieses Wissen besitzt. In den meisten Fällen wird der Älteste einen Lohn (in Form von Talens) von dem betreffenden jungen Welpen verlangen. Die geforderte Menge an Talens hängt von der benötigten Unterrichtszeit (der Stufe des Ritus) und der Meinung ab, die der Älteste von dem Welpen hat (je nach Rangunterschied und Rollenspiel). Älteste werden den jungen Garou oft erlauben, ihnen anstelle (oder zusätzlich zu) der Beschaffung von Talens einen Gefallen zu erweisen. Solche Gefallen könnten von der Versorgung des Ältesten mit frischem Hasenfleisch und Kaviar über drei Vollmonde hinweg bis zum Aufspüren eines weniger mächtigen Feindes des Ältesten reichen, dem der junge Garou die Kehle herausreißen muss. In jedem Fall entspricht der geforderte Gefallen normalerweise der Macht und Bedeutung des Ritus, den der junge Wolf zu lernen wünscht.

Das Erlernen eines Ritus ist eine ausgedehnte Handlung. Ein Garou muss einen Kenntniswert bei Rituale besitzen, der mindestens der Stufe des Ritus entspricht, den er lernen will; ein Charakter mit Rituale 3 kann keinen Ritus der Stufe Vier erlernen. Außerdem muss er viel Zeit mit dem Ältesten verbringen, dem der Ritus bekannt ist, mindestens eine Woche pro Stufe des Ritus, den er zu lernen wünscht (drei Tage für kleinere Riten). Der Spieler muss Intelligenz + Rituale würfeln (Schwierigkeit ist 10 – Intelligenz). Die Anzahl der erforderlichen Erfolge entspricht der Stufe des Ritus. Der Schüler darf pro Lerneinheit (eine Woche bei einem Ritus der Stufe Eins, drei Wochen bei einem Ritus der Stufe Drei usw.) einmal würfeln. Wenn dem Schüler ein Wurf misslingt, muss er einen Willenskraftpunkt ausgeben, um seine Studien fortführen zu können. Wenn er patzt, ist er noch nicht bereit, das angestrebte Wissen zu erlangen. Der Charakter muss mindestens drei Mondläufe warten, oder so lange, bis er mehr Lebenserfahrung hat, um es noch einmal versuchen zu dürfen.

Ein Charakter kann das Spiel schon mit Wissen um Riten beginnen, in dem er den Hintergrund Riten erwirbt. Danach können Riten jedoch nur durch Rollenspiel, nicht mehr mit Erfahrungspunkten erworben werden.

Ein Charakter kann den Versuch wagen, einen Ritus durchzuführen, an dem er schon einmal teilgenommen hat, den er aber nicht kennt. Seine Erfolgschancen sind allerdings sehr schlecht. Die Schwierigkeit ist um 3 höher als gewöhnlich, und der Spieler muss die doppelte Anzahl von Gnosispunkten einsetzen, sofern Gnosis benötigt wird. Zusätzlich halten die Ältesten der Garou solche Versuche oft für anmaßend und ketzerisch. Der Versuch, in Gegenwart eines Ältesten einen ungelernten Ritus durchzuführen, könnte Ehre und Weisheit des Garou in den Augen seiner Septe senken.

Es ist auch möglich – aber unglaublich schwierig –, neue Riten zu erfinden. Eine solche Aufgabe ist keine leichte Angelegenheit, denn dafür ist es nötig, einen Großteil der Geisterwelt von der Notwendigkeit eines neuen Ritus zu überzeugen und die Geister dazu zu bringen, dem Ritus ihre Macht zu verleihen, wenn sie zu diesem Zweck beschworen werden.

Ritentabelle

ArtWurfSchwierigkeit
Caernverschieden (Max. Gnosis)7
JahreszeitWiderstandsfähigkeit
+ Rituale
8 - Caern Level
MystischGeistesschärfe + Rituale7
RufCharisma + Rituale6
StrafeCharisma + Rituale7
TodCharisma + Rituale8 – Rang
ÜbereinstimmungCharisma + Rituale7
Kleinere--

Unter „Wurf“ stehen die Standardwürfe, die nötig sind, um einen bestimmten Ritus durchzuführen. Wenn in der Systembeschreibung kein Wurf erwähnt wird, benutzen Sie den Standardwurf.

Die Rolle der Vorzeichen

Nicht alle Garou haben einen natürlichen Hang dazu, die Großen Riten anzuführen. Viele sind damit zufrieden, einige kleinere Riten zu kennen und eine Ahnung von den Riten zu haben, die sie für bedeutend halten. Tatsächlich sehen die Garou Werwölfe, die unter bestimmten Vorzeichen geboren wurden, traditionell als rechtmäßige Ritenmeister der Stämme an. Besonders Theurgen und Philodox werden von dem Moment an, da sie sich der Septe als halbwüchsige Welpen anschließen, auf dieses Amt hin erzogen. Es gibt fast keinen Garou mit einem dieser Vorzeichen, der nicht wenigstens ein gewisses Talent im Durchführen von Riten hat. Theurgen neigen in der Regel zu mystischen, jahreszeitlichen und Caernriten, während Philodox traditionell Riten des Einklangs und Strafriten lernen.

Das soll nicht heißen, dass Garou anderer Vorzeichen keine Riten lernen oder gelegentlich anleiten. Galliards führen zumeist Riten des Todes und des Rufs durch. Ragabash und Ahroun dürfen auch Riten erlernen und durchführen, obwohl es unwahrscheinlich ist, dass die Septe ein solches Verhalten unterstützt, es sei denn, es gibt einen besonderen Grund dafür, dass ein solcher Garou einen Ritus anleitet. So könnte ein Ahroun seine Truppe nach dem ersten Kampf eines Welpen durch einen Ritus der Verwundung führen. Es wäre klug, dabei zu bedenken, dass einzelne Rudel oft (aber nicht immer) bei der Auslegung dieser Tradition flexibler und eher darauf bedacht sind, welches Rudelmitglied einen Ritus am besten abhalten könnte, als jede angestaubte, uralte Tradition zu befolgen. Jeder Garou, egal welchen Vorzeichens, darf einen mystischen Ritus erlernen.