Strafriten

Ein Garou, der gravierendes Fehlverhalten an den Tag gelegt hat, wird in Form von Strafriten bestraft. Diese Riten stärken die Garou, in dem sie die Grenzen akzeptablen Verhaltens klar abstecken. Indem Garou an dieser Bestrafung teilhaben, stellen sie ihre Hingabe an das Rudel über die Hingabe an eine einzelne Person, und ihre Hingabe an die Nation über beide.

System: Strafriten werden nur angesichts größerer Fehltritte abgehalten oder nachdem weniger harte Strafen einen Werwolf nicht dazu bewegen konnten, sein Verhalten zu ändern. Der Ritenmeister muss Charisma + Rituale würfeln (Schwierigkeit 7, wenn nicht anders angegeben). Ein misslungener Ritus wird als Zeichen Gaias betrachtet, dass die Verbrechen des widerspenstigen Werwolfs als nicht gravierend genug angesehen werden, um eine solche Bestrafung zu rechtfertigen. Da diese Riten ihre Kraft aus der Geisterwelt ziehen, misslingen sie automatisch, wenn es sich dabei um eine äußerst ungerechte Strafe handelt. In diesem Fall verliert der Initiator des Ritus definitiv Ehre.

Stufe 1

Ritus der Dohle

Der Ritus der Dohle wird vollzogen, um einen Garou zu bestrafen, der das Versprechen der Verschwiegenheit gebrochen hat. Er bewirkt, dass der Werwolf jedem, den er trifft, persönliche und belanglose Details aus seinem Leben erzählt. Dieser Ritus führt nicht dazu, dass der Bestrafte Geheimnisse verrät, auf die er einen Schwur geleistet hat. Er zwingt den Garou auch nicht, Menschen seine wahre Natur zu offenbaren und dadurch die Litanei zu brechen. Es ist jedoch ziemlich wahrscheinlich, dass der Werwolf persönliche Dinge erzählt, die nur ihm peinlich sind.

Der Ritus kann sehr erniedrigend sein, und viele Garou, die ihm ausgesetzt werden, werden vor Scham vom Zorn überwältigt. Es gilt als höchst unehrenhaft, Vergeltung gegen einen Garou zu üben, der dieses Ritual im Zuge einer gerechten Bestrafung gewirkt hat. Individuen, die den Auswirkungen des Ritus entkommen wollen, meiden einfach ein paar Tage lang den Kontakt zu anderen, was die Gemeinschaft respektiert.

System: Die Durchführung dieses Ritus dauert zehn Minuten. Der Ritenmeister ritzt symbolisch einige Piktogramme offener Münder in Holzstückchen und reicht sie rituell um den Missetäter herum (der den gesamten Ritus über mehr oder weniger ruhig stehenbleiben, ihn aber nicht gutheißen muss). Der Ritenmeister würfelt Manipulation + Ausflüchte (Schwierigkeit7). Für jeden Erfolg leidet das Ziel einen Tag lang an den oben beschriebenen Auswirkungen. Der Bestrafte kann Willenskraftpunkte einsetzen, um zu verhindern, dass er ein besonders prekäres persönliches Geheimnis verrät.

Stufe 2

Ritus der Ausgrenzung

Dieser Ritus ist eine häufige Strafe für kleinere Verbrechen, doch in Kriegszeiten können seine Auswirkungen verheerend sein. Der Ritus entfremdet den gestraften Garou seinem Stamm, seiner Septe und manchmal sogar seinem Rudel. Der Stamm wird ihn danach behandeln, als wäre er gar nicht da. Er wird so weit wie möglich ignoriert und gezwungen, sich allein um seine Grundbedürfnisse zu kümmern, obwohl dem Nicht- Wolf kein Haar gekrümmt wird (zumindest in der Theorie, auch wenn man von Garou weiß, die das Ziel einer Ausgrenzung „versehentlich“ verletzten). In einer Situation, in der es um Leben und Tod geht, hilft der Stamm (insbesondere Freunde und Rudelkameraden) dem Übeltäter vielleicht, aber selbst dann nur widerwillig. Ansonsten wird der bestrafte Garou völlig ignoriert. Die an diesem Ritus teilnehmenden Garou bilden einen Kreis um den Angeklagten (sofern er anwesend ist). Jeder Teilnehmer ruft zweimal den Namen des Übeltäters, einmal für Gaia und einmal für seine Brüder und Schwestern, gefolgt von den Worten: „Unter allen Kindern Gaias habe ich keinen Bruder/keine Schwester dieses Namens.“ Dann wendet sich der Sprecher im Gegenuhrzeigersinn vom Kreis ab. Sobald alle Anwesenden gesprochen haben, zerstreuen sich die Garou in die Nacht.

System: Diese Bestrafung dauert normalerweise von einer Mondphase bis zur nächsten an. Sie kann aber so lange dauern, wie die Septen- oder Stammesführer wünschen. Angesichts schwerer Vergehen kann die Strafe sogar für permanent erklärt werden, was den Übeltäter im Grunde aus der Septe oder dem Stamm ausschließt. Der ausgeschlossene Garou verliert einen Punkt Ruhm, fünf Punkte Ehre und einen Punkt Weisheit.

Stein der Verachtung

Der Stein der Verachtung ist ein Stein, dem bösartige spirituelle Entsprechungen der Schande, des Leids und dergleichen anhaften. Manche Septen haben einen permanenten Stein der Verachtung, vor den ihre Übeltäter geschleppt werden, doch die meisten laden nur einen kleinen Stein mit solchen Energien auf. Dieser Stein wird, beginnend mit dem Ritenmeister, von einem Garou zum nächsten weitergereicht. Der verachtete Garou wird von seinen Septenkameraden dazu gezwungen, dabeizusitzen und zuzusehen. Jeder Garou, der den Stein bekommt, ritzt oder malt ein Symbol des Spotts oder der Schande auf seine Oberfläche, während er eine lächerliche oder peinliche Geschichte über das gesetzwidrige Verhalten oder andere Schwächen des Verachteten erzählt. Mondtänzer erzählen besonders kreative Geschichten. Dieser Ritus dauert oft die ganze Nacht, wobei die Geschichten immer unglaubwürdiger und erniedrigender werden. Mit dem Ende der Nacht endet auch die Strafe, obwohl die besten Geschichten oft noch eine Weile hinter dem Rücken des Übeltäters im Flüsterton weitererzählt werden. Derartiges Verhalten lässt den Garou einiges an Ruf verlieren.

System: Standardwurf. Der bestrafte Garou verliert für gewöhnlich acht Punkte Ehre und zwei Punkte Weisheit.

Stimme des Schakals

Wenn das Verhalten eines Werwolfs nicht nur über ihn selbst, sondern auch über seine ganze Septe oder seinen ganzen Stamm Schande gebracht hat, wird dieser Ritus durchgeführt. Wenn der Ritenmeister ihn vollzieht, bläst er dem Übeltäter eine Handvoll Staub oder Asche ins Gesicht und spricht: „Weil deine (Feigheit/Maßlosigkeit/Selbstsucht/usw.) bewiesen hat, dass in deinen Adern Schakalblut fließt, möge deine Stimme deine wahre Brut verraten!“ Während der Staub und die Worte den Garou einhüllen, verändert sich seine Stimme. Danach wird er in unangenehm schrillem und durchdringendem nasalen Jammerton sprechen, bis der Ritenmeister die Strafe aufhebt.

System: Schakalhunde, wie man so bestrafte Garou auch nennt, ziehen bei allen gesellschaftlichen Würfen zwei Würfel von ihrem Würfelvorrat ab. Sie verlieren zudem zwei Punkte Ruhm und fünf Punkte Ehre. Der Ritenmeister kann die Strafe jederzeit aufheben, obwohl sie für besonders schwere Verbrechen auch permanent ausgesprochen werden kann (und der Rufverlust somit für immer bleibt). Bestimmte Schakalhunde haben ihre wahre Stimme zurückerlangt, in dem sie eine Queste unternahmen, die für Gaia von großem Nutzen war.

Stufe 3

Die Jagd

Die Jagd wird auf einen Garou ausgerufen, der ein Schwerverbrechen, etwa Mord oder Totschlag, begangen hat, der aber noch über einen Rest Ehre verfügt. Alle an einer Jagd teilnehmenden Garou bemalen ihre Körper mit Farbe oder Ton mit alten Symbolen. Diese Symbole kennzeichnen die Garou als Mitglieder eines Jagdrudels, und alle anderen werden derart gekennzeichneten Jägern Platz machen. Es ist eine Ehre, an einer Jagd teilnehmen zu dürfen. Der Ritenmeister oder Meister der Jagd führt das Rudel an. Die Jagd ist genau das, was ihr Name vermuten lässt; der Verbrecher wird vom Rudel gehetzt und getötet. Es gibt keine Gnade, obwohl der Tod den verurteilten Garou von aller Schuld reinwäscht (was immer das wert sein mag). Viele tragische Erzählungen berichten von Werwölfen, die gezwungen waren, sich zwischen einem Wortbruch und einem schweren Verbrechen zu entscheiden. Die Geschichten besagen, dass diese Garou beschlossen, ihr Wort zu halten und lieber das Ziel einer Jagd zu werden, aber in ihrem letzten Kampf derart große Tapferkeit bewiesen, dass sie nach ihrem Tod viel Ruhm erlangten.

System: Dieser Ritus kann mithilfe der Regeln für Spurenlesen (S. 281) ausgespielt werden.

Ritus des Omegawolfs

Manche Stämme und Septen nehmen die Verfehlungen eines Alphas ausgesprochen ernst. Wenn alle Rudelmitglieder darin übereinstimmen, dass ihr Alpha sie auf katastrophale Art und Weise im Stich gelassen oder in die Irre geführt hat, können Sie diesen Ritus vollziehen, um ihn formell als Anführer abzusetzen und seine Inkompetenz zu bestrafen. Das Rudel packt sich seinen gefallenen Alpha und setzt ihn auf einen Stein. Dann setzen sie ihm eine falsche Krone auf und erweisen ihm mittels einer Verbeugung falsche Ehrerbietung. Danach richten sie sich auf und verspotten ihn nacheinander, ehe sie ihm die Krone vom Kopf reißen und ihn zu Boden werfen. Wenn jedes Rudelmitglied den gefallenen Alpha angespuckt oder auf ihn uriniert hat, endet der Ritus.

System: Standardwurf. Der gefallene Alpha verliert vier Punkte Ehre und zwei Punkte Weisheit. Wenn er je wieder Alpha wird, hat er –3 Würfel auf alle Handlungen, bei denen
Führungsqualitäten gefragt sind, bis er freiwillig auf den Status verzichtet oder mithilfe seiner Führungsqualitäten einen großen Sieg für sein Rudel erringt.

Spottritus

Ein Spottritus, die ernstere Version des Steins der Verachtung, ist ein spezielles Lied, ein Tanz und/oder ein Schauspiel, das von den Halbmonden und Mondtänzern nur zu dem Zweck geschaffen wird, den Übeltäter zu verhöhnen. DieserRitus wird immer auf einer Versammlung abgehalten, während der Übeltäter für die gesamte Septe sichtbar dabeisitzt. Da die Garou sorgfältige mündliche Überlieferung pflegen, wird man sich des Spotts erinnern und ihn äonenlang überliefern. Jeder so „geehrte“ Garou verliert eine Menge Ruf. Kichernde Welpen singen Spottverse, die  Teil des Ritus waren, und Erwachsene werden stets einige der witzigeren Zitate und der peinlichen Gesten des Ritus verwenden, wenn sie von dem Übeltäter sprechen. Solche Geschichten sind zwar gewöhnlich den Mitgliedern der Septe des Übeltäters vorbehalten, doch Trickser und Mondtänzer geben diese Satire nur allzu gern an jeden Garou weiter, der ihnen über den Weg läuft.

System: Die Schwierigkeit dieses Ritus entspricht dem Rang des Übeltäters + 4. Bei Erfolg verliert der Übeltäter eine dauerhafte Rangstufe (sein Ruf wird auf die Anfangspunktzahl des nächstniedrigeren Ranges gesenkt). Der Garou kann danach normal neuen Ruf sammeln und im Rang aufsteigen. Misslingt der Ritus, verliert der Garou gar nichts, während ein Patzer den Ritenmeister fünf Punkte Weisheit verlieren lässt, weil er nun zum Ziel des Ritus wird.

Stufe 4

Das Zerreißen des Schleiers

Dieser manchmal als Aktaions Wahn bekannte Ritus wird verwendet, um einen Menschen zu bestrafen, der den Garou Schlimmes antut. Das Vergehen muss sich nicht direkt auf die Garou beziehen, sondern kann sich auch gegen Gaia oder ihre Kinder richten. Dieser Ritus lässt den Schleier fallen und zwingt den Menschen, die Garou während einer Jagd, die die ganze Nacht dauert, zu sehen und sich an sie zu erinnern. Der Ritenmeister hinterlässt einen kleinen Beutel mit brennendem Dung und Kräutern in der Nähe des schlafenden Opfers. Wenn das Opfer erwacht, ist der
Schleier in seinem Geist verbrannt. Die nun folgende Jagd kann, muss aber nicht mit dem Tod des Menschen enden. Die Überlebenden werden oft wahnsinnig, weil ihr unvorbereiteter Geist die durch den Ritus enthüllte Wahrheit nicht verarbeiten kann. Einige jedoch überwinden tatsächlich ihre Furcht und werden wieder geistig gesund. Dieser Ritus wird nicht als Litaneibruch betrachtet

System: Der Ritenmeister muss den vorbereiteten Beutel mit Dung und Kräutern höchstens 3 m vom Schlafplatz des Opfers entfernt ablegen. Der Beutel beginnt zu glimmen, wenn der Ritenmeister den Ritus durchführt. Er muss nicht in der Nähe des Beutels sein, um den Ritus zu vollziehen. Bei Misslingen bleibt der Schleier bestehen. Ein Patzer bedeutet, dass der Garou nun selbst eine Nacht lang unter dem Delirium leidet.

Stufe 5

Gaias rächende Zähne

Dieser Ritus, eine der schlimmsten Strafen, die die Garou kennen, ist Verrätern vorbehalten, die sich mit dem Wyrm verbünden oder auch Feiglingen, deren Handeln (oder Nichthandeln) viele
andere das Leben gekostet hat. Mindestens fünf Werwölfe schleppen den Verräter an einen Ort mit harter, aufgesprungener Erde und Steinen. Dann rammt der Ritenmeister einen spitzen Ast oder Stein in seine eigene Hand, während er die Sünden des Verräters gegen Gaia aufzählt. Heulend vor Kummer und Zorn schmiert der Ritenmeister sein Blut auf Augen, Ohren und Stirn des Verräters. Sobald das Blut und die Tränen auf die harte Erde tropfen, wirkt der Ritus. Von diesem Moment an verwandelt sich jedes Fragment Gaias in rasiermesserscharfes Silber, solange der Verräter es berührt. Dann wird der Bestrafte wie ein räudiger Hund von Jägern in Crinosgestalt gehetzt. Die Erde unter dem Verräter schneidet in seine Füße und sein Tod wird zur unerträglichen Qual. Anschließend wird sein Name aus allen Geschichten getilgt und von diesem Moment an nur noch als Fluch verwendet.

System: Solange das Blut des Ritenmeisters den Körper des Verräters berührt, kann er nicht seitwärts wechseln. Kein Verräter überlebt diesen Ritus.